Karin Wenger
Zürcher Journalistenpreis
Karin Wenger ist freie Journalistin. Sie reiste in den panamaischen Küstenort Playa Venao, wo israelische Soldat:innen versuchen, zu vergessen, was sie im Gaza-Krieg erlebt, erlitten und getan haben.
laudatio
von Paula scheidt
Playa Venao, ein Strand an der Pazifikküste Panamas. Türkises Wasser, Kokospalmen im Wind, feiner weisser Sand. Hier spielt die Reportage «Weg vom Schuss» von Karin Wenger. Sie beginnt so: «Wer einen Ort sucht, an dem Himmel und Hölle aufeinandertreffen, sollte nach Playa Venao reisen.» Es folgt ein Text, der an die Substanz geht. Denn hier, in Playa Venao, erholen sich israelische Soldatinnen und Soldaten von ihrem Kampfeinsatz im Gazastreifen. Auf dem Surfbrett in den Wellen und bei Open Air Partys unter Lichterketten versuchen sie, das Töten zu vergessen. Sie sind blutjung, viele Anfang 20, Frauen und Männer, und es ist schwer zu ertragen, welch unermessliches Leid diese jungen Menschen bereits erlitten und anderen zugefügt haben.
Karin Wenger ist ein bedeutsamer Text gelungen, ein wichtiges Zeitdokument, das mehrere journalistische Genres auf sich vereint. Ihr Text ist eine Reportage, die uns den Sehnsuchtsort Playa Venao an der Pazifikküste Panamas näherbringt. Er ist eine politische Analyse, die den Gaza-Krieg historisch einordnet, den Israel als Reaktion auf das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 brutal führt. Ein Essay, der über Schuld und Sühne nachdenkt. Und er ist ein Psychogramm von Menschen, denen viel zu früh im Leben eingeimpft wird, Töten sei ihr Beruf.
Ohad, 27, war Teil der Hundeeinheit der Special Forces. Er erzählt über seinen Einsatz in Gaza: «Ich war mit meinem Hund immer der erste, der ein Haus oder einen Tunnel betrat. Zuerst schickte ich den Hund rein. Er trägt eine Kamera, so dass ich live sehen kann, was er sieht. Er schnüffelt nach Sprengstoff und Bomben, warnt uns vor Terroristen. Tritt er auf eine Bombe, stirbt er. Trifft er auf einen Terroristen, dann kriegt er die Kugel ab, nicht der Soldat. Stiess ich selbst auf Terroristen, neutralisierte ich sie. Mein Ziel als Hundeführer und das des Tieres ist dasselbe: das Leben eines Soldaten zu retten.»
Heute führt Ohad in Playa Venao eine Surfschule und steht abends hinterm Mischpult, elektronische Beats, schöne tanzende Menschen.
Die Autorin Karin Wenger lässt verschiedene Wahrheiten gleichzeitig gelten. Sie hält Ambivalenzen aus und zeigt uns die jungen Israelis mit all ihren Widersprüchen. Sie urteilt nicht, sondern ordnet ein. Deshalb hat die Jury des Zürcher Journalistenpreises entschieden, Karin Wenger für diese hervorragende Arbeit, die in der Zeitschrift «Annabelle» erschienen ist, auszuzeichnen. Herzliche Gratulation!

weg vom schuss
An diesem Strand in Panama treffen sich israelische Soldat:innen nach ihrem Einsatz in Gaza. Wie blicken sie auf den Krieg – und auf ihr eigenes Tun? Karin Wenger hat versucht, ihre Perspektive zu verstehen.
Erschienen am 10. April 2025
Von Karin Wenger